Sonntag, 13. Juni 2010
„Die Zeit fährt Auto, doch kein Mensch kann lenken.“ zweiter Teil.
Schwör sogar, Aller, deine Mudda hat Lippenstift für dich, schoss es ihr, geblendet von dem ultimativen Bling-Bling der Kapuzenjacke des Eistee Besitzers, durch den Kopf. Sie schüttelte den Kopf und verneinte ganz höflich. Er schien enttäuscht, ließ sich von diesem erschütternden Schicksal aber nicht aus der Fassung bringen. „Wirklich nicht?“, fragte er misstrauisch. Irgendwo zwischen vor Mitgefühl gebrochenem Herzen und einem Lachflasch konnte sie wieder nur die Aussichtslosigkeit der Situation mit einem Nein verstärken.
„Schade. Darf ich?“, fragte er und zeigte auf den Sitz ihr gegenüber. An diesem unspektakulären Morgen gestattete sie es ihm.
„Ich brauch nämlich Lippenstift für meinen Job. In Frankfurt.“
Sie nickte. „Ah. Was für ein Job denn?“
In der süßesten Art und Weise, die ein halbseidener Kerl zustande bringen kann, blickte er sich kurz um, lehnte sich ein Stück vor und sagte in einem bedeutungs- und geheimnisvollen, vielleicht ein kleines bisschen beschämten Tonfall, der ihr das Gefühl gab, in etwas ganz besonderes eingeweiht zu werden: „Ich geh anschaffen“.
„Ah.“, wiederholte sie und lächelte ihn an. „Tut mir Leid, ich hab wirklich keinen Lippenstift“.
Der kleine Verfolgungswahn kam wieder angezwitschert und sie überlegte, ob sie für einen versteckte Kamera Streich auserwählt worden war oder es diesem Mann bloß schrecklich Langweilig/ein Genuss war, unschuldige junge Damen zu verarschen. Sie hielt es dennoch für die beste Idee ihm nicht lautstark seine Homosexualität vorzuwerfen und sich aufrichtig mit seinen Worten zu befassen. Die Gelegenheit bot sich zu ihrer Begeisterung schon schnell, als er anfing zu plappern, damit die stille awkwardness aus dem Weg schob, aber Stoff für neue aufbrachte. Erstaunlicherweise blieb jegliche Verlegenheit jedoch aus, als er von seiner kommenden Geschlechtsumwandlung berichtete. Es war authentisch und ehrlich und es war ihr egal, dass sie noch nicht ganz von der Glaubwürdigkeit überzeugt war. Sie fragte sich, ob er gut verdiente oder einen Sponsor hatte, wie lange er sich nach der Operation würde erholen müssen, ob er seinem Beruf weiter nachgehen würde und auf welches Geschlecht genau seine Kunden abfuhren. Dann fiel ihr ein, dass das ganze doch eigentlich eher ein längerer Prozess ist und musterte ihn von den Barthaaren bis zur engen Jeansjacke.
„Ich hab Angst, dass was schief geht“, fuhr er fort und sie beruhigte ihn damit, dass der Arzt das ja nicht zum ersten Mal machte.
Dann, wie um ihre Zweifel vollkommen aus dem Weg zu räumen, holte er einen noch verpackten Kalender mit einem weisen/ach so amüsanten Spruch über Frauen auf jedem Kalenderblatt hervor. Er erklärte, dass er sich mehr über Frauen und ihre Lebensweisen informieren wolle und bat sie die Plastikfolie, die seinen Schlüssel zur Weiblichkeit noch im Griff hielt, zu entfernen, da es ihm mit seinen doch recht gepflegten aber kurzen Nägeln nicht gelang.
Als die Schutzfolie im kleinen Bahn Mülleimer landete, entwickelte sich das Gespräch ganz blendend. Sie sprachen über den Kalender und das Leben, es war eine bittersüße Bahnfahrt.

... link (0 Kommentare)   ... comment